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Teilzeitarbeit ist gern gesehen: Die Webentwickler von Liip organisieren sich auf aussergewöhnliche Weise. Dafür wurden sie ausgezeichnet. Ein Besuch im «Versuchslabor für soziales Zusammenarbeiten».

Heute ists ruhig im Grossraumbüro. Die Besprechungszimmer sind verwaist, genau so wie die Lounge und der grosse Tisch im oberen Stock. Zwar sind die administrativen Mitarbeiter konzentriert bei der Arbeit, ein Informatikerteam diskutiert vor der mit bunten Zetteln beklebten Wand, und ein Schnupperstift sammelt erste Programmiererfahrungen. Längst nicht jeder Arbeitsplatz ist aber besetzt. «Normalerweise ist mehr los», sagt Gerhard Andrey. «Etliche Mitarbeiter haben heute Vatertag.»

Gerhard Andrey ist einer der sechs Geschäftsleiter von Liip. Das 2007 aus den Kleinfirmen Mediagonal aus Freiburg und Bitflux aus Zürich entstandene Unternehmen entwickelt Webdienste – und dies gemäss einer Auszeichnung und einem Rating auf eine besonders nachhaltige Art und Weise.

An der Wand über der Kaffeemaschine ist ein iPad montiert. Während der Kaffee aus der Maschine rinnt, wirft Gerhard Andrey einen Blick auf die Statusmeldungen, die andere Liip-Mitarbeiter auf Google+ abgesetzt haben. Dank dem Tablet werde die Kaffeemaschine zum sozialen Treffpunkt – auch über die einzelnen Bürostandorte hinweg, erläutert er. Dann führt er zur grosszügigen Lounge. «Wir müssen uns ja wohl nicht in ein Sitzungszimmer zurückziehen.»

Schon seit der Gründung setze das Unternehmen auf soziale und nachhaltige Arbeitsformen, erklärt er. «Wir haben viel ausprobiert.» Das meiste funktioniere gut, einzelne Ideen mussten wieder verworfen werden. «Eigentlich befinden wir uns hier in einem grossen Versuchslabor.»

Mitarbeiter bringen eigene PC

Nun also wurde Liip mit einem Preis für nachhaltige Unternehmensführung ausgezeichnet. Das erstaunt, kann doch ein Dienstleistungsunternehmen nur sehr beschränkt Rohstoffe und Ressourcen einsparen. «Wir können wirklich nicht mehr viel optimieren», räumt Gerhard Andrey ein. Bereits seit längerer Zeit bezieht Liip Ökostrom, setzt auf effiziente Rechenzentren und kompensiert CO2-Emissionen. Um die Mitarbeiter zur Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel zu bewegen, hat sich das Unternehmen in zentrale Büros eingemietet und finanziert Mitarbeitenden das Halbtax- oder sogar das Generalabo. Doch das machen viele andere Unternehmen auch.

Bedeutend weiter geht Liip mit den Spesenregeln: Vergütet werden nur Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Und innerhalb Europas wird – wenn möglich – der Zug dem Flugzeug vorgezogen. Im Sinne der Informatiker ist die Computerregel: Damit weniger Rechner angeschafft werden müssen, dürfen Mitarbeiter eigene Notebooks nutzen. Wer dies tut, erhält monatlich einen finanziellen Beitrag ans Gerät.

Im Ideallfall sind alle mal Chef

«Ausgezeichnet wurden wir aber vorab für unsere soziale Nachhaltigkeit», sagt Andrey. Insbesondere für die flache Hierarchie: Die einzelnen Teams organisieren sich weitgehend selbst. Dabei wird Scrum eingesetzt. Bei dieser Arbeitsmethode, die bei jüngeren Softwarefirmen verbreitetet ist, nehmen die Mitarbeiter von Projekt zu Projekt wechselnde Rollen ein. Im Idealfall ist also jedes Teammitglied mal Chef beziehungsweise Chefin.

Auch in der Gesamtfirma werden die meisten Entscheide demokratisch gefällt. «Das dauert länger, ist aber sinnvoll», findet Andrey. Denn wenn die Mehrheit etwas beschlossen hat, halten sich alle daran. «Ich muss fast nie einen Entscheid verteidigen, geschweige denn durchsetzen.»

Teilzeitarbeit ist die Regel

Bei Liip arbeiten zwei von drei Angestellten und über die Hälfte der Geschäftsleitung Teilzeit. «Im Gegensatz zu vielen anderen Unternehmen ist Teilzeitarbeit bei uns kein Karriererisiko», sagt Andrey. «Auch dann nicht, wenn man sich in der freien Zeit nicht Weiterbildungen, sondern ‹bloss› der Familie widmet.» Für frischgebackene Eltern gelten grosszügige Regelungen: Männer erhalten einen Vaterschaftsurlaub von einem Monat, Frauen können den gesetzlichen Urlaub um einen Monat verlängern. Apropos Weiterbildung: Alle Mitarbeiter können pro Jahr bis zu 100 Stunden für in- und externe Weiterbildungen aufwenden. Und wer will, kann während bis zu einem Viertel der Arbeitszeit auswärts arbeiten. Wie genau die Heimarbeit organisiert wird, bestimmen die einzelnen Teams.

Kollegen bewerten Arbeiten

Und wie sieht das Lohnsystem aus? Ein Dogma halte Liip hoch, sagt Gerhard Andrey: «Wir verhandeln keine Löhne.» Selbstverständlich verdienten Männer und Frauen für die selbe Arbeit gleich viel. Weder zwischen den Berufsgruppen sollen Lohnungleichheiten bestehen noch zwischen den einzelnen Mitarbeitenden der selben Lohnklasse. Wer in welche Klasse gehört, wird anhand eines Punktesystems ermittelt. Pluspunkte geben etwa eine gute Ausbildung und Treue zum Unternehmen. Zudem bewerten die Teammitglieder – und neuerdings auf Wunsch auch Kunden – die geleistete Arbeit. «Niemand weiss besser, wie gut eine Person arbeitet, als ihre Kollegen und Kunden.»

Wie aber, wenn nicht mit individuellen Lohnerhöhungen, wird besonders grosses Engagement belohnt? «Setzt man monetäre Anreize, provoziert man egoistisches Verhalten. Damit schwächt man das Team.» Die Geschäftsleitung belohne aber – für einmal ganz paternalistisch – einzelne Mitarbeiter mit Arbeitszeit, in der sie sich ihren privaten (Software-)Projekten widmen dürfen.

Der Einheitslohn hingegen, wie er bis 2006 ausbezahlt wurde, ist gefallen. «Wir müssen die Lohnschere noch weiter öffnen, um für alle attraktiv zu bleiben.» Derzeit verdient, wer der höchsten Lohnklasse angehört, bis zu 2,3-mal so viel wie Mitarbeiter der tiefsten Klasse. Darin ist auch der Bonus enthalten, den sich die Partner anstelle einer Dividende auszahlen: Floriert das Geschäft, verdienen sie – nebst dem 13.Monatslohn und einem Bonus, wie ihn alle kriegen – den selben Bonus ein zweites Mal supplément.

Gerhard Andrey nimmt einen letzten Schluck Kaffee. Ihm sei bewusst, dass sich nicht jede Firma ähnliche Regeln leisten kann. Für Liip würden sie sich aber auszahlen. «Unser Kapital sind die Mitarbeitenden – und die gut funktionierenden Teams.»

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