Es bewegt sich was

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Unternehmen sehen sich mit einer Vielzahl von neuen Anforderungen im Mobile-Bereich konfrontiert. Welche Strategie ist die Richtige? Die Antwort ist individuell. Durch die Wahl eines offenen Entwicklungskonzepts können jedoch böse Überaschungen verhindert werden.

Die rasante Entwicklung bei den Webtechnologien und mobilen Endgeräten setzt neue Massstäbe in Sachen Bedienung und Ästhetik. Der Nutzer hat nicht nur Zugriff auf digitale Informationen jeglicher Art, er interagiert auch auf eine neue Art mit diesen Informationen. In vielen Geschäftsbereichen ist es heute schon so, dass die Nutzer mobile Applikationen ihren Desktop-Pendants vorziehen. Dieser Trend wird sich durch die weitere Verbreitung von mobilen Endgeräten noch verschärfen.

Gerade Printmedien haben mit mobilen Endgeräten ein Medium erhalten, das vergleichbar mit einer klassischen Print-Ausgabe potenziell überall verfügbar ist. Aber auch im E-Commerce-Bereich steigt die Anzahl mobiler Nutzer. Der Trend geht in Richtung lokalisierter Angebote und dem Einsatz von Near Field Communication als Zahlungsmittel.

Wer heutzutage Informationen digital verteilen will, kann diese nicht mehr nur für einen Kanal aufbereiten. Die Herausforderung besteht darin, die richtigen Kanäle zu wählen und die Information mediengerecht zu filtern und aufzubereiten. Denn Mobile-Plattform ist nicht gleich Mobile-Plattform. Die Masse der iPad-Besitzer nutzt ihr Gerät abends wahrscheinlich auf der Couch liegend. Das zeigen die Verbindungsstatistiken verschiedener Applikationen. Diese Art der Nutzung hat eine völlig andere Qualität als die Nutzung von Smartphones, die uns primär durch den Arbeitsalltag begleiten.

Zusätzlich erschwert wird die Entscheidung durch eine technische Dimension: Welche Plattform wird sich in welchem Bereich durchsetzen? Soll eine mobile Website oder eine Native-App entwickelt werden? Oder soll es doch eine hybride App sein oder einfacher gesagt: Welcher Distributionskanal soll genutzt werden und wird sich dieser Distributionskanal durchsetzen? Der Grundsatz «Mobile First» ist heutzutage sicherlich gültig. Doch die Mobile-Strategie will gut überlegt sein. Die entscheidenden Faktoren sind hierbei: Wer sind meine Nutzer, sprich welche mobilen Plattformen nutzen sie zu welchem Zweck? Was sind die Erwartungen an die Bedienung und an die Aufbereitung der Information? Und zuletzt: welcher Hersteller, und damit eng verknüpft, welcher Distributionskanal wird sich durchsetzen?

Mobile-Website versus Native-App

Apple hat die Financial-Times-App im August aus dem App-Store entfernt: Die Applikation entspreche nicht den neuen Richtlinien zu den «In-App-Subscriptions». Bereits im Juni dieses Jahres hat die Financial Times eine viel beachtete Mobile-Website lanciert, die den gesamten Funktionsumfang in HTML5 für iPhone- und iPad-Nutzer zur Verfügung stellt.

Gerade für Unternehmen aus dem Medienbereich ist der Distributionskanal App-Store mit vielen Risiken behaftet. Diese Unternehmen müssen knapp kalkulieren, um auf ihre Margen zu kommen. Eine Abgabe von 30 Prozent auf jedes verkaufte Abonnement ist daher für viele nicht tragbar. Zudem verliert, wer das In-App-Angebot von Apple nutzt, die Datenhoheit über die Nutzerdaten. Zwei Faktoren, die gegen das verfolgen einer App-Strategie sprechen. Im Falle der Financial-Times-App sprechen wir von einer Erfolgsgeschichte. Doch das hängt auch mit der Art der Applikation zusammen. Viele Anwendungen nutzen native Elemente wie das Einbinden des Adressbuchs, die Systemkamera oder den Beschleunigungssensor. Auch gibt es 3-D-Anwendungen, insbesondere Spiele, die sich mit dem aktuellen Stand von HTML5 noch nicht realisieren lassen. Eine Mobile-Website kommt für diese Art Applikation nicht infrage.

Die Stores bieten Visibilität

Nicht nur Apple bietet eine «Store-Plattform». Auch Android mischt den Markt kräftig auf natürlich mit eigenem Store, dem Market-Place. Amazon wird in Kürze seine neue auf Android basierende Kindle-Version lancieren ebenfalls mit einem Store. Auch Windows Mobile setzt auf eine eigene Vertriebsplattform und diese Liste liesse sich fast beliebig fortführen.

Das Geschäftsmodell der Stores ist einfach. Der Anbieter kontrolliert den Inhalt seiner Geräte und grenzt sich von seinen Mitbewerbern ab. Als Gegenleistung erhalten die Entwickler von mobilen Applikationen eine funktionierende Verkaufsplattform. Dies gilt insbesondere für Apples App-Store. Allein die Anzahl der vorhandenen Applikationen spricht für sich. Das erklärt auch die Popularität dieses Distributionskanals. Wer es in die Top 10 der Downloads schafft, erhält eine sehr grosse öffentliche Visibilität. Viele Applikationsentwickler nehmen dafür auch die negativen Aspekte in Kauf. Denn gerade der populäre App-Store birgt versteckte Hürden. Der Submissionsprozess gestaltet sich mitunter kompliziert und es können viele Fehler gemacht werden. Das kann zu grossen Verzögerungen des geplanten Markteintritts führen.

Mehrere Plattformen unterstützen

Zu jedem Store gehört auch eine eigene Technolgiewelt. So verfügt jede Plattform über ihr eigenes Framework und eine eigene Programmiersprache mir der Apps realisiert werden können. Unternehmen werden für die Umsetzung einer Multiplattform-Strategie gezwungen, mit mehreren Lieferanten zusammenzuarbeiten. Oder sie müssen eigene Ressourcen in den entsprechenden Bereichen aufbauen. Der Aufbau eigener Ressourcen ist aber oft nicht rentabel, da Apps häufig für Kampagnen eingesetzt werden und es sich nicht lohnt, eigens für diesen Zweck neue Mitarbeiter anzustellen, die zum Bespiel die von Apple bevorzugte Programmiersprache Objective-C beherrschen. Hinzu kommt, dass der Arbeitsmarkt auch nicht viele dieser Spezialisten zu bieten hat. Auch nach der initialen Entwicklung bleiben die Kosten hoch. Denn der Wartungsaufwand der verschiedenen Technologien bleibt dezentral und ist schwer zu kontrollieren.

Der Zwischenweg: hybride Applikationen

Nicht in jedem Fall ist eine Mobile Website die Lösung. Viele Applikationen benötigen native Funktionen, um ihre Aufgaben zu erledigen. In hybriden Applikationen verbinden sich die Vorteile von Mobile-Websites mit den Vorteilen nativer Applikationen. Die Applikation wird mithilfe von offenen Webtechnologien wie HTML5, CSS und Javascript realisiert. Native Funktionen der verschiedenen Plattformen werden über spezielle Frameworks angesprochen.

Bei einem Plattformwechsel zum Beispiel vom iPhone auf Android müssen lediglich die nativen Funktionen angepasst werden. Hybride mobile Applikationen können daher besser gewartet werden. Unternehmen wie Terria Mobile haben komplette Lösungen für den Betrieb und das Deployment von hybriden Applikationen auf mehreren Plattformen entwickelt. Die Kosten für den Auftritt auf neuen Plattformen verringern sich. Hybride Applikationen werden über die Stores vertreiben. So können die Chancen der populären Verkaufsportale genutzt werden. Das heisst aber auch, dass die Risiken der Submissionsprozesse bestehen bleiben. Diese sind jedoch abgeschwächt, da eine hybride Applikation jederzeit ohne grössere Anpassungen als Mobile-Website angeboten werden kann.Native Funktionen können dann aber nicht mehr genutzt werden.

Durch die stetige Weiterentwicklung von HTML5 wird dieser Nachteil gemindert, da viele Funktionen die bis jetzt nur nativen Applikationen vorbehalten waren auch direkt über HTML5 realisiert werden können. So unterstützen die meisten mobilen Browser bereits heute das Speichern von Daten (Local Storage) und Geolokalisation. Es bleibt eine Gruppe von mobilen Applikationen, bei der es sich nicht empfiehlt, auf hybride Applikationen zu setzten. Es handelt sich um die Gruppe der Spiele: Diese benötigen oft direkten Zugriff auf die Hardware, damit 3-D-Effekte flüssig gerendert werden können.

Die eingangs gestellten Fragen sind immer noch aktuell. Es ist immer noch relevant, welche Plattform sich durchsetzen wird. Es ist immer noch wichtig, wie die Nutzer die verschiedenen mobilen Devices einsetzen. Es ist auch wichtig, welcher Distributionskanal gewählt wird. Durch die Wahl des richtigen Entwicklungskonzepts werden sie aber entschärft.

Veröffentlicht in: Netzwoche, 18/2011 © netzmedien ag

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