Elternzeit – oder wie ich meinen kleinen Stinker lieben lernte

  • Stefan Schweingruber

Die Elternzeit ist ein immer wiederkehrendes Thema in der Politik, beim Abendessen und ĂŒberall dort, wo sich Menschen heute gemeinsam unterhalten. Das gilt vor allem fĂŒr mich, einen jungen Vater um die Dreissig

Als solcher kann ich mich glĂŒcklich schĂ€tzen, in einer Firma zu arbeiten, die bereits bei ihrer GrĂŒndung vor ĂŒber zehn Jahren einen vierwöchigen Vaterschaftsurlaub einfĂŒhrte. Aber was bedeutet Elternzeit ĂŒberhaupt und wie gestaltet sie sich genau? Das finden wir heraus.

Es sind keine Ferien

Im Bezug auf MĂ€nner spricht man im Deutschen bei Elternzeit von «Vaterschaftsurlaub», was irrefĂŒhrend ist. Obwohl ich wĂ€hrend dieser Zeit nicht zur Arbeit gegangen bin, habe ich meine Tage nicht damit verbracht, BĂŒcher zu lesen, Museen zu besuchen oder ins Ausland zu reisen. Ich habe Zeit mit den fĂŒr mich wertvollsten Menschen verbracht: mit meiner Familie.

Eine sehr emotionale Zeit

Um das zu verstehen, mĂŒssen wir die Zeit um zweieinhalb Jahre zurĂŒckdrehen. Mein erstes Kind war gerade geboren worden und all meine diesbezĂŒglichen Erwartungen hatten sich in Luft aufgelöst. Es war eine sehr emotionale Zeit. RĂŒckblickend bin ich wirklich froh, dass ich diese paar Wochen zur VerfĂŒgung hatte, um mich in einem neuen Alltag zurechtzufinden und zu erfahren, was es bedeutet, sich um ein so winziges Wesen zu kĂŒmmern, das komplett von seinen Eltern abhĂ€ngig ist. So konnte ich in einer schwierigen Phase fĂŒr meine Partnerin da sein und gleichzeitig eine Bindung zu diesem neugeborenen, winzigen Menschlein aufbauen.

Letztendlich war es eine ziemlich romantische Zeit, natĂŒrlich mit allen obligaten Höhen und Tiefen. Ich war von GefĂŒhlen ĂŒberwĂ€ltigt, gleichzeitig völlig hilflos und glĂŒcklicher, als ich es jemals fĂŒr möglich gehalten hĂ€tte. Aus Tagen wurden Monate, aus Monaten wurden Jahre und wir bekamen ein zweites Kind. Mit etwas mehr Erfahrung wussten wir diesmal, wie wir uns vorbereiten können und was auf uns zukommt. Es hat sich jedoch herausgestellt, dass einem die Erfahrungen mit einem Kind wenig helfen, wenn ein zweites dazukommt – das ist eine völlig neue Welt.

Die Geheimwaffe

Um sicherzugehen, genĂŒgend Zeit als Familie zu haben und so wenig Zeit wie möglich im Spital verbringen zu mĂŒssen, fuhren wir nur wenige Stunden nach der Geburt nach Hause und erholten uns den ganzen Tag, bevor der nun Ă€ltere Bruder von den Grosseltern zurĂŒckkam. Da waren wir nun, eine vierköpfige Familie: Eine Mutter wenige Stunden nach der Entbindung, ein Neugeborenes, das geliebt werden will, ein grosser Bruder, der nicht ganz versteht, was gerade passiert ist und ich – ein Vater mit einer Geheimwaffe: vier Wochen Vaterschaftsurlaub.

In den ersten Tagen ging es hauptsĂ€chlich darum, dass sich die Eltern erholen können, ohne dabei die Kinder zu vernachlĂ€ssigen. Das galt besonders fĂŒr den Ă€lteren der beiden Geschwister, der bis dahin die Hauptattraktion unserer Familie war, mit zwei Elternteilen, die stets fĂŒr ihn da waren. Wir verwendeten viel Zeit und Energie darauf, mit ihm zu reden und ihn auch bei den neuen AlltagsablĂ€ufen dabei sein zu lassen, damit er sich einbezogen und nicht fehl am Platz fĂŒhlt. Die VerĂ€nderung, die er dabei durchmachte, ist bemerkenswert. Das bisherige Einzelkind wurde innerhalb weniger Wochen zum grossen Bruder, der sich so gut es geht um seinen jĂŒngeren Bruder kĂŒmmert. Ein Bruder, der das Baby streichelt, wenn es traurig ist, und uns Raum gibt, wenn es nötig ist, seinerseits aber auch seinen Raum einfordert. Ich bin erstaunt und sehr glĂŒcklich, dass ich da sein und diese Entwicklung aus nĂ€chster NĂ€he miterleben konnte.

Mein Vaterschaftsurlaub war dadurch geprĂ€gt, Bindungen aufzubauen, Grenzen auszuloten und einen neuen Rhythmus zu finden, so gut das in dieser Zeit möglich war. Neben den eher romantischen Momenten waren wir – ich kann das nicht genug betonen – vor allem mit Windeln wechseln, WĂ€sche waschen, Haushalt und vielen anderen Aufgaben beschĂ€ftigt. Wir konnten diese aber gemeinsam als Familie und ohne allzu viel Stress bewĂ€ltigen. (Viel war es trotzdem.)

Gemeinsam die Zukunft gestalten

Ich fand es schwierig, dieses Nest wieder zu verlassen, und nach all der warmen und wohligen Zeit mit meiner Familie wieder zur Arbeit zu gehen. Ich habe das GefĂŒhl, wir hatten die Möglichkeit, ein starkes Fundament fĂŒr unsere gemeinsame Zukunft zu legen, das uns dabei helfen wird, zukĂŒnftige Hindernisse zu ĂŒberwinden. Als Vater bin ich ein wichtiger Teil dieses Abenteuers und spiele nicht nur eine Nebenrolle in meiner eigenen Geschichte.
Was ist Elternzeit? Es ist Zeit, die man mit seiner neuen Familie verbringen kann. Die Gelegenheit, fĂŒr die Kinder, die man auf die Welt gebracht hat (oder zumindest dazu beigetragen hat) da zu sein. Elternzeit heisst auch, mit einem Kind in der Babytrage die Wohnung zu putzen.

Eines ist sicher, es sind keine Ferien, denn man ist oft erschöpft. Aber auf eine gute Weise. Es ist die Art Erschöpfung, die einem das GefĂŒhl gibt, etwas Grosses geleistet zu haben. FĂŒr sich selbst als Mensch, fĂŒr sich und den Partner als Paar und fĂŒr die nĂ€chste Generation.

Danke Liip, dass ihr das möglich macht.


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