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Die Verlagerung des Web vom Desktop auf mobile Endgeräte bleibt im Trend. Einige wichtige Parameter haben sich seit Beginn der Mobile-Welle geändert: Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich der Begriff «Mobile» nämlich als zu restriktiv. Momentan machen zwar vor allem die Tablets und die Smartphones von sich reden und überbieten sich gegenseitig mit Leistung und der schlanken Linie ihrer Formfaktoren. Doch das Spektrum ist breiter, denn auch Smart-TVs und andere Geräte bis hin zur Kaffeemaschine, die nicht primär dem mobilen Einsatz dienen, nutzen Webtechnologien.

«Mobile First»?

Die Aufforderung «Mobile First» muss heutzutage eigentlich für ein Denkmuster stehen, das besagt, dass Webapplikationen primär für eine Vielzahl von Geräten zur Verfügung stehen müssen – oder anders ausgedrückt, multi-device-tauglich sein müssen. Ob das in ein echtes «Internet der Dinge» führen wird, wird sich noch weisen. Aber Gedanken in diese Richtung liegen sicherlich auch im Trend.

Der Markt ist heterogen geworden. Es gibt eine Vielzahl von Herstellern, die ihre eigenen Frameworks und Distributionskanäle promoten. Der Markt spielt. Das ist positiv. Doch aus Perspektive der IT-Enscheider steigt die Komplexität der Entscheidungen in ihrer Multi-Device-Strategie.

Multi Device, gerne, aber wie?

Darf es eine mobile Website sein? Mit oder ohne Responsive Design, oder gar eine App? Und wenn ja, nativ oder hybrid? Diese Fragen werden immer noch heiss diskutiert.

Die Geschichte von Facebook ist symptomatisch. Als Early-Adopter haben sie früh auf den Standard HTML5 gesetzt. Diesen Schritt hat Mark Zuckerberg als «den grössten Fehler» bezeichnet und mit grossen Tönen den Strategiewechsel auf native Technologien angekündigt. Nur, um ein Jahr später Zahlen zu präsentieren, die eine ganz andere Sprache sprechen: Die Mehrzahl der Mobile-Nutzer surft mit dem Mobile-Browser durch ihren Beziehungsdschungel.

Die Argumente für den Einsatz der nativen Apps waren und sind neben der Performance und dem Look and Feel die bessere Integration der Bordmittel wie GPS und Kamera. Auf der anderen Seite steigt der Aufwand stetig, Apps in den verschiedenen Stores zu unterhalten. Angesichts dessen verlieren die oben genannten Argumente zunehmend an Bedeutung. Auch schaffen die Stores Abhängigkeiten, und gerade für die publizierenden Branchen sind die damit verbundenen Geschäftsmodelle nicht immer vorteilhaft.

In der Zeit von «Mobile First» war der Ausweg aus dem Dilemma die mobile Website. Im Trend um Multi-Device ist der zentrale Begriff Responsive Design, das heisst, Websites, die auf die verschiedenen Screen-Grössen reagieren und sich anpassen. Somit kann eine einzelne Webpräsenz für alle Devices nutzbar gemacht werden.

Lebendige Standards

Diesem Trend spielt die rasante Entwicklung von HTML5 und CSS3 und die damit verbundene Stärkung von Javascript in die Hände. So stellen bereits heute die Hauptbrowser mit HTML5 und dem damit verbunden API-System fast alle Funktionen nativer Apps zur Verfügung. Features wie Offline-Funktionalität, Mobile Payment bis hin zu kompletten Gaming-Frameworks können in HTML5 realisiert werden. So ist der Game-Klassiker «Cut the Rope» schon seit längerem auch als HTML5-Version verfügbar. Dabei handelt es sich eigentlich um einen Trend zur «Hybridisierung» von Apps, denn mit einer reinen Mobile-Version haben mobile oder responsive Websites oft nicht mehr zu tun. Mit den HTML5-APIs werden Bordmittel der Geräte genutzt. Funktionen wie beispielsweise Mobile-Payment können mit Javascript über die HTML5-APIs jederzeit ergänzt werden. Zudem können solche Webapplikationen mit wenig Aufwand nach dem NIWEA-Ansatz (Native Interoperable Web Applications) oder integrierten Distributionslösungen wie der Launch Base von Terria Mobile zu voll funktionsfähigen Apps «gepackt» und in den einzelnen Stores angeboten werden.

Es kann die Behauptung gewagt werden, dass HTML5 sich in Zukunft als Standard auch für Mobile-Entwicklung durchsetzten wird – ein Trend, dem sich die nativen Frameworks in Zukunft kaum widersetzen werden können. Ein gutes Beispiel dafür ist das neue Firefox OS, dessen Darstellungslayer sowie alle Apps komplett auf HTML5 basieren. Und um nochmals auf die Geschichte mit Facebook zurückzukommen: Sencha, die Herstellerin eines wichtigen Javascript-Frameworks, hat einen performanten Prototypen der Facebook-App als Mobile-Website nachgebaut, die ihrem App-Vorbild in allen Punkten das Wasser reichen kann.

Our Work Here is Done

Es ist schwierig zu sagen, ob die Entwicklungen im Bereich Multi-Device und Mobile dazu beigetragen haben, dass HTML5 so schnell an Popularität gewonnen hat. Oder ob HTML5 die aktuellen Entwicklungen auf dem Mobile-Markt erst möglich gemacht hat. Fest steht, dass sich HTML5 allen Unkenrufen zum Trotz äusserst schnell durchgesetzt hat. Sicherlich hat dazu auch die Web Hypertext Application Technology Working Group (WHATWG) beigetragen, die sich vom verknöcherten Standardisierungsgremium W3C abgespaltet hat. Die WHATWG ist ein Zusammenschluss der grössten Browserhersteller. Die Standardisierung wird direkt von der Industrie getrieben, ist enger mit den Bedürfnissen der Nutzer verbunden und somit marktorientierter. Webstandards.org, ein weiterer wichtiger Player im Standardisierungsgeschäft, hat sich vor einigen Wochen mit einem Blog-Post verabschiedet mit dem Titel: «Our Work Here is Done.» Die Technologien sind konsolidiert. Das Medium wartet auf Inhalt.

Inhalte bereitstellen

Henri Bergius hat den Begriff «Decoupled Content Management» geprägt. Diese «entkoppelte Architektur» sieht vor, dass die einzelnen Funktionseinheiten eines Content-Management-Systems klar voneinander getrennt werden. Die Bereiche Editieren (Web-Editing-Tool), das Bereitstellen und Ausliefern der Inhalte unter URLs (Web-Framework) und die Speicherung von Daten (Content Repositories, Datenbanken) sind in der Decoupled-Architektur eigenständige Komponenten, deren Kommunikation untereinander über standardisierte Protokolle und APIs erfolgt. Die Applikationslogik und somit die Businesslogik wird im Web-Framework implementiert. Die einzelnen Komponenten können frei kombiniert werden. Für die verschiedenen Aufgaben steht immer die beste Lösung zur Präsentation, Bearbeitung und Speicherung des Contents zur Verfügung. Ebenfalls können verschiedene Content-Management-Systeme einfacher aus demselben Datenstamm gespeist werden. Und nicht zuletzt erlaubt diese flexible Architektur die Anbindung von verschiedenen Eingabegeräten an das Content-Management-System und unterstützt somit den Multi-Device-Gedanken.

Enterprise Content Repositories werden zugänglicher. Nicht mehr nur Java bleibt der Einsatz von Repositories vorbehalten. Zunehmend behaupten sich auch schlanke, PHP-basierte Content-Management-Systeme wie Drupal oder das Symfony2-Content-Management-Framework im Enterprise-Umfeld. Durch den Einsatz von PHPCR werden Java Content Repositories für PHP-basierte Content-Management-Systeme erschlossen. Diese kommen bei grossen Unternehmen vermehrt dann zum Einsatz, wenn es darum geht, kundennahe Kampagnen umzusetzen oder eben neue Kanäle oder Devices zu bedienen.

Reden ist Silber, Zeigen ist Gold

Es ist erstaunlich, wie schnell der De-facto-Standard Flash von HTML5 abgelöst worden ist – die visuelle Hoheit im Web wurde lange durch dieses Plug-in dominiert. Mit den nun standardisierten visuellen Möglichkeiten hat sich eine völlig neue Art ergeben, Daten zu präsentieren. Auch im Trend liegt Open Data. Dadurch verstärkt sich die Tendenz zur Visualisierung noch zusätzlich. In diesem Zusammenhang ist Parallax-Scrolling zu nennen. Es handelt sich um einen Gestaltungstrend, der aus der 2-D-Gaming-Ästhetik stammt. Damit lassen sich im Web wunderbar Geschichten erzählen.

Auch die Disziplin User Experience verändert die visuelle Aufmachung von Websites. Die Reduktion auf das Wesentliche und klare Strukturen beeinflussen die Ästhetik im Web zunehmend.

Content ist König

Das Semantic Web, lange eine akademische Spielerei, kommt langsam, aber sicher. Schema.org oder HTML5-Micro-Data und RDFa werden von Suchmaschinen unterstützt. Durch deren Einsatz kann man sich bereits heute in den Suchresultaten visuell abheben. Semantische Technologien tragen mittelfristig zur Lösung des Big-Data-Problems bei. Sie werden sicherlich auch im Zusammenhang mit dem Trend Open Data von sich reden machen, da sie eine einheitliche Integrationsebene der semantischen Aufwertung von Daten bieten.

Aber auch nicht primär technische Disziplinen wie Content Strategy liegen im Trend. Multi-Device bedeutet auch automatisch Multi-Channel. Erstellen, Verwalten und Strukturieren von Content werden zunehmend zur Herausforderung. Gute Inhalte können nicht genug geschätzt werden. Gute Inhalte führen zu Visibilität bei den Suchmaschinen und zu einer höheren Verweildauer der Nutzer auf der Website. Das führt mittelbar zu einer besseren Konversionsrate. Aber nicht nur dort haben Inhalte einen echten Gegenwert, denn ein hoher organischer Traffic macht den teueren Zukauf von Traffic mit Werbemassnahmen überfüssig.

Das Medium ist reif

Die meisten der genannten Trends stehen im Zusammenhang mit der Technologie HTML5. Die neuen Möglichkeiten zeigen heute schon, wie wir Inhalte in Zukunft konsumieren werden. Visuell aufbereitet, gut strukturiert und auf verschiedenen Endgeräten.

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