Content-Management

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Am Anfang stand der Wunsch, Beiträge ohne Kenntnisse von HTML ins Web stellen zu können. Mit zunehmender Verlagerung der Enterprise-IT in den Browser befinden sich auch die Aufgabenbereiche von Content-Management-Systemen im Wandel.

Am Anfang stand der Wunsch, Beiträge ohne Kenntnisse von HTML ins Web stellen zu können. Mit zunehmender Verlagerung der Enterprise-IT in den Browser befinden sich auch die Aufgabenbereiche von Content-Management Systemen im Wandel. Die Grenzen von Dokumenten verschwimmen. Die Inhalte wandeln sich ständig

Wissen ist zentraler Rohstoff

Die technische und damit auch inhaltliche Konvergenz von Informationen ist dabei durchaus erwünscht. Nur auf diese Weise können aus den einzelnen Informationseinheiten neue Erkenntnisse gewonnen, kann Wissen geschaffen werden. Content wird vermehrt ganzheitlich verstanden. Es geht nicht mehr nur um das Bereitstellen von Dokumenten im Web. Content sind unter anderem Produkte im E-Commerce, Kundendaten und Informationen zur Marktlage und Mitbewerbern im Bereich Business-Intelligence. Die Grenzen zwischen internen und externen Daten verschwimmen. Was heute Intranet ist, kann morgen einem Partner als B2B-Plattform zur Verfügung gestellt werden. Zudem müssen für verschiedene Bereiche externe Daten eingebunden werden. So aggregieren Business-Intelligence-Tools eine Vielzahl von halb interpretierten Daten. Social Media und Open-Data produzieren viele Inputs, die handhabbar und interpretierbar gemacht werden müssen.

Content-Strategien bewegen sich im Spannungsfeld von Knowledge-Curation und der aktiven Kommunikation über verschiedene Kanäle. Das Speichern von Daten wird zwar immer günstiger. Eine intelligente Auswertung des Informationsgehalts und damit die Erzeugung und die Bereitstellung von Wissen wird aber zunehmend komplexer und damit teurer. Dies hängt auch mit der Tatsache zusammen, dass Wissen für Unternehmen ein immer zentralerer Rohstoff wird. Auch durch das Automatisieren gewisser Prozesse kann diese Entwicklung nicht vollständig abgefedert werden. Eine kluge Strategie und neue Ansätze sind gefragt, um den heutigen Anforderungen an Content-Management gerecht zu werden.

Content-Management als monolithischer Block

Vor zehn Jahren, als die heute geläufigen Content-Management-Systeme entwickelt worden sind, gab es noch keine Standards, die definieren, wie die verschiedenen Komponenten eines Content-Management-Systems zusammenspielen sollen. Aus diesem Grund ergab es durchaus Sinn, ein Content-Management-System als monolithischen Block zu entwerfen. Editieren, speichern und die Aufbereitung der Inhalte für den Browser – alles aus einer Hand. So sind eine Vielzahl von Ansätzen entstanden, die alle in sich richtig jedoch das pure Gegenteil von interoperabel sind. Und genau hier liegt das Problem: Content-Management ist im Umfeld moderner Betriebe heutzutage mit derart vielen Anforderungen verbunden, dass ein monolithisches System in vielen Fällen nicht mehr die notwendige Flexibilität bieten kann.

Vor allem in content-intensiven Branchen blockieren monolithische Content-Management-Systeme den agilen Umgang mit Informationen und somit die gezielte Bereitstellung von Wissen. Es gibt kein Produkt, das alle Anforderungen erfüllen kann und eine mitunter sehr aufwendige Integration der Systeme ist nicht zu umgehen.

Die neue Freiheit

Ein neuer Gedanke aus der Open-Source-Welt kann da Abhilfe schaffen und ist grösstenteils heute schon Realität. Henri Bergius hat den Begriff «Decoupled-Content-Management» geprägt. Diese «entkoppelte Architektur» sieht vor, dass die einzelnen Funktionseinheiten eines Content-Management-Systems klar getrennt werden.

Die Bereiche Editieren (Web-Editing-Tool), das Bereitstellen und Ausliefern der Inhalte unter URLs (Web-Framework) und die Speicherung von Daten (Content Repositories, Datenbanken) sind in der Decoupled-Architektur eigenständige Komponenten, deren Kommunikation untereinander über standardisierte Protokolle erfolgt. Die Applikationslogik und somit die Businesslogik wird im Web-Framework implementiert. Das Prinzip ist nicht neu und beispielsweise aus der serviceorientierten Architektur bekannt. Übertragen auf Content-Management-Systeme ist der Gedanke jedoch erfrischend und bedeutet, dass Web-Editoren, Web-Frameworks und Content-Repositories frei kombiniert werden können und somit für verschiedene Aufgaben immer die beste Lösung zur Präsentation, Bearbeitung und Speicherung des Contents vorhanden ist.

Vorteile durch offene Standards

Die Kommunikation zwischen Web-Framework und dem Editing-Tool findet über die Standards RDFa und HTML statt. Vereinfacht gesagt: Der Inhalt wird so strukturiert, dass der Editor versteht, welche Teile auf welche Weise editiert werden können. Mit moderner Browsertechnologie kann das Editieren dann direkt im Browser per WYSIWYG erfolgen. Der Austausch mit dem Webframework erfolgt über eine REST-API einer Technologie, die bereits heute in vielen Anwendungen systemübergreifend eingesetzt wird. Dabei spielt es keine Rolle, welches Web-Framework verwendet wird, wichtig ist, dass die jeweiligen Standards unterstützt werden. Die Kommunikation mit dem Content Repository erfolgt ebenfalls über standardisierte Schnittstellen. Ein weit verbreiteter Standard ist JCR (Java Content Repository Standard) von Adobe.

Viele bekannte Open-Source-Content-Management-Systeme basieren auf PHP. Drupal, Typo3 oder Joomla und die Frameworks Symfony2 und Midgard, um nur die bekanntesten Vertreter zu nennen. Die Anbindung an standardisierte Content Repositories war bisher noch nicht möglich. Mit der Implementierung von JCR für PHP, Jackalope PHPCR, steht eine Entkopplung der Data Storages dieser Systeme bevor. Viele Working-Groups rund um die grossen Systeme befassen sich heute bereits mit dieser Thematik. Drupal bietet bereits heute die Möglichkeit, ein entkoppeltes Content-Editing umzusetzen und es wird aktiv über die Verwendung von Content Repositories zur Datenhaltung diskutiert.

Open Source and Closed Source ergänzen sich

Die Community ist massgeblich an der Entwicklung der benötigten Komponenten beteiligt. Die Autoren und Lukas Smith sind die Entwickler von PHPCR. Mit dem Proof-of-Concept eines neuen WYSIWIG-Editors hat Loïc Schulé einen weiteren Schritt auf dem Weg zum Decoupled-Content-Management getan. Die Initiative mit Unterstützung aus der Open-Source-Community hat bei der europäischen IKS den Förderpreis gewonnen.

Bei solchen Entwicklungen geht es aber nicht um den Verdienst von Einzelnen, sondern um den Effort der gesamten Community. Denn Standards sind nur dann erfolgreich, wenn sie möglichst breit eingesetzt werden. Auch grosse Player sind mit dabei. Adobe wird die PHPCR-Spezifikation in die nächste Version des JCR-Standards aufnehmen.

Durch die Standardisierung stellt sich ein angenehmer Nebeneffekt ein: Die Frage, ob Closed-Source- oder Open-Source-Produkte eingesetzt werden sollen, verliert an Relevanz. Denn Closed-Source-Implementierungen können problemlos mit Open-Source-Produkten interagieren, wenn die Standards allgemein anerkannt werden.

Vom Bit zum Wissen

Der Weg vom Bit zum Wissen ist heute trotz besserer Technologien beschwerlicher denn je. Dank Decoupled-Content-Management werden sich in der Zukunft weniger Risiken bei der Wahl von Content-Management-Systemen ergeben. Der Unterschied zwischen etablierten Closed-Source-Lösungen und unter Umständen agileren Open-Source-Lösungen wird eine kleinere Rolle spielen. Ebenso die Frage, ob Lösungen kundenspezifisch entwickelt werden sollen, oder ein fertiges Produkt verwendet werden soll. Diese Fragen können in einer entkoppelten Architektur situativ entschieden werden. Das Ziel muss es sein, aus der schieren Menge von Daten sinnvolle, strukturierte Informationen zu generieren. Nur so können neue Erkenntnisse gewonnen und Informationen zu Wissen werden, die einen Mehrwert für das Unternehmen und die Kunden liefern.

Veröffentlicht in: Netzwoche 11/2012 © netzmedien ag

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