Was, wenn die Stimmung kippt?

  • Denis Haramincic

Wir brĂŒsten uns gerne mit unseren Erfolgsgeschichten. Was nicht funktioniert wird unter den Teppich gekehrt. Nicht bei uns. Wir wissen, dass wir am meisten von unseren Fehlern lernen.

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Innovation ist teuer. Wir können uns nicht auf Bestehendes, BewĂ€hrtes oder Bekanntes stĂŒtzen. Es verschlingt viel Budget. Doch wir wollen nicht (nur) ĂŒber das MonetĂ€re sprechen, sondern ĂŒber das, was uns Innovation auf der emotionalen Ebene abverlangt. Unser Beispiel zeigt, was wir gemacht und versĂ€umt haben. Woran wir fast gescheitert aber am Ende gewachsen sind.

Beginnen wir mit unserer Geschichte am Anfang. Mit der Idee. Wir wollten etwas komplett Neues entwickeln. Einen Ort, der junge Tech-Talente und angesagte ICT-Firmen sowie Institutionen verbindet. Keine Job-Plattform, sonder eine Art smartes «Tinder» fĂŒr zwei, die sich finden sollen. So entstand Matchd.

«Von Anfang an verfolgten wir die Vision einer innovativen Community-Plattform, die eben kein gewöhnliches Stellenportal ist und die den User*innen Interaktion ermöglicht. So entstand die Idee zu Matchd, einer skillbasierten Kennenlernplattform».
Jasmin Aubry, Projektleiterin Matchd

Das Grobkonzept testeten wir mit Hilfe eines Papier-Prototypen und mit vielversprechendem Feedback. Entsprechend euphorisch nahmen wir mit einem hochmotivierten Team den zweiten Teil, die Entwicklung der Web-App in Angriff. Der erste Stolperstein auf unserem Weg war die Corona bedingte Arbeit von zu Hause aus. Es fehlte uns die Art von Kommunikation, die dann stattfindet, wenn man zusammen im gleichen Zimmer sitzt. Die Online-Sitzungen fĂŒhlten sich kĂŒnstlich an und das Finden von Lösungen erforderte mehr Energie und Fokus als zuvor. Und natĂŒrlich fehlte uns auch das gemeinsame Feierabend-Bier und das damit verbundene zwanglose Miteinander.

Der nĂ€chste Stolperstein: Die Erwartungshaltung, die wir alle hatten. Sie war gross, die ErnĂŒchterung auch. Es stellte sich heraus, dass unsere Vorstellung unterschiedlich und die Erwartung ans Endprodukt zum Teil stark variierte. Und dann bremste uns der Onboarding-Prozess aus. Die Stimmung kippte. Was war passiert?

«Beim Frontend-Entwickler laufen alle FÀden zusammen; Backend-Anbindung, Design, UX. Das kann sehr befriedigend sein. Oder auch frustrierend.»
Kilian Schefer, Frontendentwickler

Die gemeinsame Entwicklung im Team stockte, weil zu viele Details nicht geklĂ€rt, nicht bekannt oder nicht getestet waren. RĂŒckblickend war auch der Entscheid zur Arbeitsweise mit Scrum ohne Begleitung nicht die beste Wahl. Es fehlten die im agilen Sinne iterativen Überarbeitungen eines MVP und der Fokus auf die KernfunktionalitĂ€t, die den Mehrwert schafft. Und zu Beginn fehlte uns auch die Ausarbeitung der Idee: ein Klickdummy. Etwas Visuelles, um eine gemeinsame, konkrete Erwartungshaltung aufzubauen.

«Scrum wird in der Theorie gerne als ein selbstlernendes Werkzeug fĂŒr selbstorganisierte Teams als Allheilmittel interpretiert, deren sinnvolle Anwendung mit den agilen Methoden in einer neuen Konstellation initiale und durchgehende Begleitung empfiehlt.»
Denis Haramincic, Projektleiter, Scrum Master

Dieses VersĂ€umnis kostete uns nicht nur Zeit. Es fĂŒhrte auch zu Spannungen im Team. Die unerfĂŒllten Erwartungen fĂŒhrten zu MissverstĂ€ndnissen. Das langsame Vorankommen und der immer nĂ€her kommende Endtermin verursachte Stress. BewĂ€ltigt haben wir diese Krise am Ende gemeinsam. Mit viel Fleiss, persönlichen Einsatz und Teamgeist. Und wir haben die Lektion gelernt: Der Aufbau fĂŒr einen Workflow muss einerseits allen BedĂŒrfnissen gerecht werden und andererseits von allen Beteiligten verstanden und gelebt werden. Das erfordert FlexibilitĂ€t, denn AgilitĂ€t funktioniert nicht bei jedem Projekt in gleichem Masse.

«IT ist immer Technologie und Mensch; idealerweise greift alles wie ein RÀderwerk ineinander. Aber gelingt dies nicht, geht viel Energie in den Prozessen verloren.»
Timur Sagirosman, Teilprojektleiter Matchd

Am Ende haben wir jede Herausforderung gepackt und konnten Matchd prĂ€sentieren. Eine Web-App, die nicht nur funktioniert, sondern auch der innovativen Grundidee entspricht und sich von allen anderen Angeboten abhebt: Matchd fĂŒhrt die passenden Paare zusammen und berĂŒcksichtigt dabei «harte» sowie «weiche» Faktoren. Die technischen Skills zum Beispiel. Aber auch die Erwartungshaltung, die persönlichen Werte und die WĂŒnsche. Die richtigen Personen werden «gematchd». Der Name ist Programm.

Titelbild der MatchD Applikation

Es ist uns gelungen, etwas Einzigartiges, etwas Regionales und auf die Zielgruppe Zugeschnittenes zu entwickeln, um dem FachkrĂ€ftemangel entgegenzuwirken. Etwas, wofĂŒr sich auch Liip mit der Bereitstellung von PraktikumsplĂ€tzen engagiert. Matchd ist ein Erfolg: Bereits in den ersten 3 Monaten haben sich knapp 100 Studierende registriert. Die angehenden Ostschweizer ICT-FachkrĂ€fte brennen darauf ihre Skills unter Beweis stellen können. Als Praktikant*in, studentische Teilzeitkraft, als Trainee, Berufseinsteiger*in oder als Verfasser*in einer praxisorientierten Bachelor- oder Masterthesis.

Trotz aller Stolpersteine: Wir haben gemeinsam unser Ziel mit dem MVP erreicht. Matchd wird genutzt und die Plattform wird sich nun stetig weiterentwickeln. Wir haben eine gute Basis geschaffen. Das Ende ist darum kein Ende, sondern ein neuer Anfang.


Zu Matchd

Die Vernetzungsplattform Matchd ist Teil der IT-Bildungsoffensive (ITBO) des Kantons St.Gallen. Die ITBO hat zum Ziel, dem FachkrĂ€ftemangel im ICT-Bereich entgegenzuwirken und damit den Wirtschaftsstandort St.Gallen zu stĂ€rken. Die Region soll fĂŒhrender Standort in der Digitalisierung werden, und ihre BĂŒrger*innen sollen den digitalen Wandel aktiv und vorausschauend mitgestalten. Die IT-Bildungsoffensive berĂŒcksichtigt alle Schulstufen und umfasst fĂŒnf Schwerpunktprojekte – das hat schweizweit Pioniercharakter. Matchd verbindet dabei Bildung und Wirtschaft, so kann die Region ihr ganzes Potential entfalten.

The Story behind Matchd
Fachkräftemangel? Nicht bei Matchd!

Projekt-Ablauf

Pitch: 17. Juni 2020
Scoping Workshop: 23. Juli 2020
Kick-Off: 29. September
Start Implementierung: 4. Januar 2021
Soft-GoLive (1.0.0): 27. Mai 2021
GoLive (1.1.0): 1. Juli 2021

Technologie/Infrastruktur

Frontend: Typescript, VueJS 3, Tailwind CSS, D3.js
Backend: Python, Django, Tailwind, GraphQL, ElasticSearch
Infrastruktur: CI/CD via Gitlab, Docker


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