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Was ist ein MVP und wozu ist es gut?

  • Clarissa KĂŒchler

Ein MVP, ein Minimum Viable Product, ist die erste Version eines Produktes. Es enthĂ€lt lediglich die relevanten Kernfunktionen, um ein Produkt zu nutzen und beabsichtigten Zweck zu erfĂŒllen. Hört sich einfach an... Die grosse Frage ist, wie können die Kernfunktionen eines MVP definiert werden?

Voraussetzung, um Kernfunktionen zu definieren ist, dass die strategische Stossrichtung (Was? Warum? FĂŒr Wen?) kurzfristig (MVP Produktversion 1) und mittel- und langfristig (Produktversion 2 – x) bekannt ist. Wohl wissend, dass diese sich mit den Erkenntnissen, die wĂ€hrend eine Entwicklungsprozess gewonnen werden, verĂ€ndern kann.

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Kernfunktionen identifizieren

Die Strategie des MVP-Ansatzes impliziert ein benutzerzentriertes Vorgehen. Es geht um Kernfunktionen, Feedback und Iteration und darum schnell zu lernen, ob Nutzer ein Produkt wertschÀtzen oder ob es auf Ablehnung bzw. Nichtnutzung stösst.
Versteht man FunktionalitÀt als technische Umsetzung eines Prozesses, ist dies zu kurz gedacht und schöpft das Potenzial des Ansatzes nicht ausreichend aus: die einfachste technische Implementierung ist nicht gleichbedeutend mit der Kernfunktion eines MVP. Ob Nutzer ein Produkt wertschÀtzen und nutzen, hÀngt von weiteren Faktoren ab:

  • FĂŒhlt der Nutzer sich angesprochen?
  • Entspricht das Produkt seinen Erwartungen und aktuellen BedĂŒrfnissen?
  • Ist die TonalitĂ€t und emotionale Ansprache die richtige?
  • Versteht der Nutzer das Angebot und kann es einfach bedienen?

Die vier Grössen der Kernfunktionen

In seinem Buch “The Lean Product Playbook” veranschaulicht Dan Olsen, welche Dimensionen bei der Definition von Kernfunktionen berĂŒcksichtigt werden mĂŒssen:

  1. Sie mĂŒssen funktional sein.
  2. Sie mĂŒssen vertrauenswĂŒrdig und verlĂ€sslich sein.
  3. Sie mĂŒssen einfach sein.
  4. Sie mĂŒssen den Nutzer “erfreuen” oder im besten Falle begeistern.
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Jussi Pasanen in Dan Olsen in “The Lean Product Playbook” und Aaron Walter’s “Designing for Emotion”

1. Funktional

Um die FunktionalitĂ€t eines Prozesses sicherzustellen, mĂŒssen die BedĂŒrfnisse der Nutzer bekannt sein. Diese Ă€ussern sich zunĂ€chst in Aktionen, die der Nutzer mit Hilfe eines digitalen Produkt durchfĂŒhren möchte. Erst wenn seine Absicht klar ist, wird die Kernfunktion in einen sinnvollen digitalen Prozess ĂŒbersetzt. Denkt man an einen Onlineshop, ist ein BedĂŒrfnis, die angebotenen Ware zu kaufen. Die Aktion ist der Erwerb der Ware. Die Kernfunktion ist folglich der Check-out Prozess. Technisch gesehen ist klar, was zu tun ist. Jedoch wird diese Definition noch zu keinem guten Ergebnis fĂŒhren.

2. VertrauenswĂŒrdig & verlĂ€sslich

Es ist nötig Vertrauen zu schaffen und dem Nutzer ein gutes GefĂŒhl zu vermitteln. Der Nutzer möchte Sicherheit – bspw. dass der Shop seriös ist und der Einkauf reibungslos funktionieren wird – er benötigt zusĂ€tzliche Informationen ĂŒber Lieferfristen, RĂŒckgabekonditionen, ZahlungsmodalitĂ€ten, Lieferant, usw
, die in den Prozess integriert werden. Vielleicht wecken Bewertungen von anderen KĂ€ufern, QualitĂ€tssiegel oder eine mögliche Kontaktaufnahme mit dem VerkĂ€ufer ein gutes GefĂŒhl wĂ€hrend des Prozesses. Erst wenn er wĂ€hrend der Transaktion ein gutes und sicheres GefĂŒhl hat, wird er einen Abschluss tĂ€tigen. Es gilt also herauszufinden, welche Informationen Vertrauen schaffen wĂ€hrend der Transaktion.

3. Einfach

Einfach bedeutet intuitiv nutzbar. Voraussetzung hierfĂŒr ist, dass die FĂ€higkeiten und mentalen Modelle der Nutzer bekannt sind und berĂŒcksichtigt werden. Denken wir wieder an den Check-out Prozess: erscheint er dem Nutzer zu kompliziert oder nicht verstĂ€ndlich fĂŒhlt er sich verunsichert und wird die Transaktion mit hoher Wahrscheinlichkeit abbrechen.

4. Begeisternd

Die Frage wann und wie ein Kunde begeistert wird, ist nicht pauschal zu beantworten. Handelt es sich um einen Shop, ist der Kunde allenfalls ĂŒber die termingerechte Lieferung, Rabatte oder einen einfachen RĂŒckgabeprozess zu begeistern. Klar ist, dass Begeisterung nicht ohne Feedback der Nutzer fassbar ist. Sie kann nicht am “Reissbrett” entworfen werden. User Research ist nötig, um allgemeine Annahmen in wirkliches Verstehen umzuwandeln.

Vorteile und Einsatz des MVP Ansatzes

Die vier oben beschriebenen Punkte verdeutlichen, dass Kernfunktionen eines MVP alle vier Dimensionen berĂŒcksichtigen mĂŒssen, um sicherzustellen, dass ein Produkt Zuspruch findet. Die Bedeutung der einzelnen Dimensionen wird priorisiert.
Wenn es gelingt, sĂ€mtliche Dimensionen zu berĂŒcksichtigen und sinnvoll gegeneinander abzuwĂ€gen liegen die Vorteile dieses Vorgehens auf der Hand:

  • Die wirklichen BedĂŒrfnisse der Nutzer werden adressiert.
  • Das Risiko am Nutzer vorbei zu entwickeln wird minimiert.
  • Die Entwicklungszeiten und die Time-to-Market” werden verkĂŒrzt.
  • Ein iteratives und adaptives Vorgehen spart Zeit und Geld.

Sinnvoll ist ein MVP nur bei nutzerzentriert entwickelten Produkten. Entscheidend ist dies primĂ€r bei neuen Produkten oder Business Modellen, die in der digitalen Welt erfolgreich platziert, verankert und schnell auf den Markt gebracht werden. Aber auch bei sehr komplexen Projekten ist dieser Ansatz sinnvoll, um den Scope der Projektphase einzugrenzen. Oder auch wenn noch kein Wissen oder Daten ĂŒber Verhaltensweisen und Vorlieben von Nutzern bekannt sind.


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